Konzentrationslager KZ

 

   

 

Die ersten Konzentrationslager der Nationalsozialisten dienten der Unterdrückung und Ausschaltung politischer Gegner. Ihre Zahl wuchs rasch. Die Bedeutung und Funktion für das NS-System veränderte und radikalisierte sich jedoch im Laufe der Zeit.

Nachdem die NS-Diktatur gefestigt war, wurden sie zunehmend zu Stätten der Vernichtung von Menschen, die nicht dem nationalsozialistischen Bild der „Volksgemeinschaft“ entsprachen – und schließlich zu den Orten an denen die Nazis die systematische Ermordung von Millionen Menschen betrieben, die nach der rassistischen Ideologie als „artfremd“ galten: Sinti und Roma sowie Juden.

Auf dem Höhepunkt der Ausbreitung des Lagersystems, Ende 1944/Anfang 1945, gab es mehrere Tausend Konzentrations- und Nebenlager und mehrere Vernichtungslager.

Unzählige Opfer starben in den Konzentrationslagern durch Zwangsarbeit, Unterernährung, Seuchen und Krankheiten. Große Teile der deutschen Industrie profitierten direkt oder indirekt durch das Lagersystem

  

Vier Phasen der Entwicklung des nationalsozialistischen Lagersystems

(nach U. Herbert, K. Orth, Chr. Dieckmann)

 

1933-1935

Bereits in den ersten Monaten der NS-Diktatur begannen NSDAP-nahe Organisationen damit, überall in Deutschland Inhaftierungslager aufzubauen, in denen die politischen Gegner des NS-Regimes außerhalb des Rechtssystems in „Schutzhaft“ genommen wurden.

Bis zum Frühsommer 1934 waren die Lager verschiedenen Institutionen unterstellt, unter anderem der „Sturmabteilung“ (SA), den verschiedenen nationalsozialistischen Polizeichefs und der SS. In dieser ersten Phase wurden etwa 26.000 Menschen in Konzentrationslagern inhaftiert.

Spätestens mit der Entmachtung der SA (Juni/Juli 1934) wurden alle Konzentrationslager der SS unterstellt, Theodor Eicke wurde Inspekteur für die Lager. Auf ihn gingen die räumliche Bauweise und die fast überall gleich geltende Lagerordnung zurück. Die Konzentrationslager wurden zum völlig rechtsfreien Raum. Sie waren von der Außenwelt abgeschirmt, und die Inhaftierten waren der Willkür ihrer Bewacher ausgeliefert.

Im Sommer 1935 war die Herrschaft des Regimes gesichert, und in den Lagern des Reichsgebietes befanden sich nur noch 4.000 Häftlinge.

 

1936-1938

In dieser Zeit wurden u.a die großen Konzentrationslager Sachsenhausen und Buchenwald gebaut. Sachsenhausen wurde zum Zentrum des Konzentrationslagersystems. Die Anzahl der Häftlinge stieg wieder deutlich an. Ihre Zusammensetzung änderte sich jedoch grundlegend.

Während in den Jahren 1933-1935 noch hauptsächlich politische Gegner des Regimes inhaftiert waren, begannen die Nazis in der zweiten Phase damit, diejenigen zu inhaftieren, die nicht dem nationalsozialistischen Bild der „Volksgemeinschaft“ entsprachen – vor allem „Asoziale“, „Arbeitsscheue“, mehrfach Vorbestrafte, Homosexuelle und Zeugen Jehovas, aber auch schon in größerem Umfang Sinti. Denn in diesem Zeitraum vollzogen die NS-Behörden die rechtliche, politische und soziale Ausgrenzung entsprechend der rassistischen Definition zur „artfremden Rasse“ („Nürnberger Gesetze“ 1935).

Im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ wurden im April und Juni 1938 bei zwei Verhaftungswellen über 10.000 Personen als so genannte „Asoziale“ in Konzentrationslager verschleppt. Nach der Annektierung Österreichs (März 1938) stieg auch die Zahl der „politischen Schutzhäftlinge“ wieder an.

Während der Novemberpogrome 1938 wurden 26.000 Juden inhaftiert.

Ende 1938 wurden fast 60.000 Menschen in Konzentrationslagern festgehalten.

 

1939-1941

Diese Zeit war geprägt von der Entfesselung des 2. Weltkriegs durch das nationalsozialistische Deutschland und durch die rassistische Besatzungspolitik, die die Auslöschung der jüdischen Bevölkerung, der Sinti und Roma und – besonders in Osteuropa – großer Teile der übrigen heimischen Bevölkerung zum Ziel hatte.

Damit änderte sich erneut die Zusammensetzung der Häftlinge. Waren es am Anfang vor allem noch Deutsche, so kamen seit Beginn des Krieges vor allem Menschen aus den von Deutschland eroberten Gebieten. Unter diesen Häftlingen waren viele Juden, Roma und Sinti.

Auch in den besetzten Ländern errichteten die nationalsozialistischen Besatzer zahlreiche Konzentrationslager. Bald waren in diesen Lagern mehr Häftlinge eingesperrt, als in Deutschland und Österreich. Sie wurden in SS-Produktionsstätten wie Steinbrüchen und Ziegeleien eingesetzt.

Die Sterblichkeitsrate unter den Häftlingen erhöhte sich deutlich: So stieg sie in Buchenwald von 10 % (1938) auf 19 % im Jahr 1941 und in Dachau von 4 % (1938) auf 36 % im Jahr 1942. In Mauthausen betrug die Todesrate im Jahr 1939 schon 24%. Sie stieg dort im Jahr 1940 auf 76%.

 

1942-1945

Die letzte Phase war vor allem durch den systematisch und fabrikmäßig betriebenen Völkermord an den Juden und an den Sinti und Roma geprägt sowie durch den Krieg gegen Russland. In einem Aktenvermerk vom 14. September 1942 notierte Justizminister Otto Thierack über ein Gespräch mit Goebbels und Himmler:

 

„Hinsichtlich der Vernichtung asozialen Lebens steht Dr. Goebbels auf dem Standpunkt, dass Juden und Zigeuner schlechthin, Polen, die etwa 3 bis 4 Jahre Zuchthaus zu verbüßen hätten, […] vernichtet werden sollten. Der Gedanke der Vernichtung durch Arbeit sei der beste.“

 

Die Verwaltung der Konzentrationslager wurde dem SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) unter der Leitung von Oswald Pohl übertragen. Es entstanden mehrere Tausend KZ-Außenlager, um die Häftlinge in der Nähe von Industriebetrieben zur Verfügung zu haben. Berüchtigt wurden die zu Buchenwald gehörenden Lager Nordhausen, Ellich und Dora wegen der unterirdischen Anlagen zur Rüstungsproduktion und der besonders ausbeuterischen und tödlichen Arbeitsbedingungen.

Die Zahl der KZ-Häftlinge betrug im April 1943 insgesamt ca. 203.000. Sie stieg im August 1944 auf rd. 524.000 und bis Kriegsende vermutlich auf über 700.000 Menschen. Der überwiegende Anteil (90%) hatte keine deutsche Staatsangehörigkeit.

In der Endphase des Krieges ab Dezember 1944 kamen vermutlich 240.000 Häftlinge zu Tode, viele davon bei den „Todesmärschen“ zur Räumung von Lagern.

Die Anzahl der Häftlinge, die für Wochen oder Jahre in einem der Konzentrationslager eingesperrt waren, wird insgesamt auf zweieinhalb bis drei Millionen Menschen geschätzt.

 

Ab Ende 1941 bis Juli 1942 wurden sechs große Vernichtungslager errichtet:

Chelmno (Dezember 1941), Belzec (März 1942), Auschwitz-Birkenau (April/Mai 1942), Sobibor (Mai 1942), Treblinka (Juli 1942), Majdanek (September 1942).

Sie entstanden im Umfeld und nach der Wannseekonferenz (20. Januar 1942). In diesen Lagern sollte die bereits durch „Einsatzgruppen“ und Kommandos der Wehrmacht stattfindende, massenhafte Ermordung von Juden, von Sinti und Roma sowie von potentiellen Gegnern der Naziherrschaft organisiert werden.

Ziel war die vollständige und spurlose physische Vernichtung der Opfer unter Isolierung und Abschirmung des Geschehens gegenüber der Gesellschaft. Ein wichtiges Merkmal war die Anbindung der Lager an das Schienennetz der Reichsbahn und der Nachbarländer, womit die Zuführung von Transporten und damit eine planmäßige und wirtschaftlich rationalisierte Massentötung ermöglicht werden sollte.

 

Seitdem der historischen Forschung zunehmend Erkenntnisse über osteuropäische Länder zugänglich sind, müssen auch das Lager Jasenovac (Kroatien) sowie die Lager in Weißrussland: Maly Trostinez (ab Mai 1942) und Bronnaja Gora (ab Juni 1942) als NS-Vernichtungslager gelten.

Ein weiteres Vernichtungslager in Bogdanovka (Ukraine) unterstand zwar nicht deutscher SS oder Verwaltung, sondern rumänischen Besatzern. Rumänien beteiligte sich jedoch von 1941 bis August 1944 auf deutscher Seite am Eroberungskrieg und an der Besatzungspolitik der Nazis, und die rumänische Regierung verfolgte Juden und Roma in vergleichbar systematischer Weise.
 

(Diese Übersicht beansprucht keine Vollständigkeit.)

 

            

 

Diese Abbildung ist als Datei unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung 3.0 Unported lizenziert.

Übernahme aus:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:WW2-Holocaust-Europe_DE.png&filetimestamp=20090721215420

 

Literatur:

Ulrich Herbert, Karin Orth, Christoph Dieckmann (Hg.),

Die nationalsozialistischen Konzentrationslager Band 1-2, Frankfurt 2002.

Eugen Kogon, Der SS-Staat, München 2004 (Orig. 1946).

Werner Hilgemann, Atlas zur deutschen Zeitgeschichte, München 1986 (Orig. 1946).