{"id":10,"date":"2019-06-04T12:34:38","date_gmt":"2019-06-04T10:34:38","guid":{"rendered":"http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/?page_id=10"},"modified":"2022-05-18T10:46:12","modified_gmt":"2022-05-18T08:46:12","slug":"geschichte","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/geschichte\/","title":{"rendered":"Geschichte"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-page\" data-elementor-id=\"10\" class=\"elementor elementor-10\">\n\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-f4b9ac6 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"f4b9ac6\" data-element_type=\"section\" data-e-type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-6154ded\" data-id=\"6154ded\" data-element_type=\"column\" data-e-type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-9096a91 elementor-widget elementor-widget-image\" data-id=\"9096a91\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"image.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/photo-1604431396554-3a791d1fb816.jpg\" data-elementor-open-lightbox=\"yes\" data-elementor-lightbox-title=\"photo-1604431396554-3a791d1fb816\" data-e-action-hash=\"#elementor-action%3Aaction%3Dlightbox%26settings%3DeyJpZCI6MzA0NywidXJsIjoiaHR0cDpcL1wvc2ludGl1bmRyb21hLW5ydy5kZVwvd29yZHByZXNzXC93cC1jb250ZW50XC91cGxvYWRzXC8yMDIxXC8wMVwvcGhvdG8tMTYwNDQzMTM5NjU1NC0zYTc5MWQxZmI4MTYuanBnIn0%3D\">\n\t\t\t\t\t\t\t<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"749\" height=\"500\" src=\"http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/photo-1604431396554-3a791d1fb816-1024x683.jpg\" class=\"attachment-large size-large wp-image-3047\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/photo-1604431396554-3a791d1fb816-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/photo-1604431396554-3a791d1fb816-300x200.jpg 300w, http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/photo-1604431396554-3a791d1fb816-768x512.jpg 768w, http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/photo-1604431396554-3a791d1fb816.jpg 1350w\" sizes=\"(max-width: 749px) 100vw, 749px\" \/>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/a>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-5158b58 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"5158b58\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<p><strong>Die Geschichte der Sinti und Roma\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<br \/><strong>Sinti seit 600 Jahren im deutschsprachigen Raum<\/strong><\/p><p>\u00dcber zwei Gegebenheiten muss man sich beim Blick auf die Geschichte im Klaren sein:<\/p><p>Erst seit vergleichsweise wenigen Jahren gibt es geschichtliche oder biographische Aufzeichnungen, die von Sinti oder Roma selbst stammen. Sie sind Kulturgemeinschaften mit m\u00fcndlichen \u00dcberlieferungen. Die vorherigen geschichtlichen Zeugnisse stammen nahezu ausnahmslos von Schreibern, die von einer ablehnenden oder herablassenden Einstellung gegen\u00fcber den Sinti und Roma bestimmt waren. Dokumente, Urkunden und Abhandlungen geben also nicht das Leben der Sinti und Roma wieder, sondern die Reaktion der jeweiligen Mehrheitsbev\u00f6lkerung und die Geschichte ihres Verh\u00e4ltnisses und ihrer Begegnung mit der Minderheit. Der Blick auf die Geschichte zeigt also immer zuerst und vor allem das Klischee.<\/p><p>Auf Grund vergleichender Sprachforschung gilt die nordwestindisch-pakistanische Region als \u201eUrsprungsheimat\u201c der Sinti und der Roma. Ein Grund f\u00fcr die Abwanderung oder Verdr\u00e4ngung war das Vordringen des Islams im 8. Jahrhundert n. Chr. (711 Vorherrschaft \u00fcber die Provinz Sinth). M\u00f6glicherweise wurden viele auch im Zuge der Eroberungen gewaltsam in andere L\u00e4nder unter islamischer Herrschaft verschleppt. Im 11. Jahrhundert bestanden Siedlungen in Persien, im \u00f6stlichen Mittelmeerraum, in Kleinasien, in Nordafrika sowie auf dem Peleponnes in einem Landstrich, der \u201eKlein\u00e4gypten\u201c genannt wurde (um den Berg Gype bzw. die Hafenstadt Modon herum).<\/p><p>In deutschen L\u00e4ndern werden Sinti erstmals in einer Hildesheimer Urkunde vom 20. September 1407\u00a0 erw\u00e4hnt. Dort werden sie allerdings nicht \u201eSinti\u201c oder \u201eZigeuner\u201c genannt, sondern als \u201eTatern\u201c bezeichnet. Ihre Herkunft aus Gebieten, die zu der Zeit schon von den T\u00fcrken erobert oder bedroht waren sowie ihre oft dunklere Hautfarbe, f\u00fchren zu dieser Bezeichnung. \u201e\u00c4gyptenleute\u201c nennt sie die Augsburger Chronik von 1417.<\/p><p>Jakob Thomasius leitet das Wort \u201eZigeuner\u201c aus \u201eaegyptianus\u201c ab[1]. In den englischen und franz\u00f6sischen Bezeichnungen \u201egypsies\u201c bzw. \u201egitanes\u201c, klingt die vermeintliche Herkunft aus dem Land \u00c4gypten bzw. aus der peloponnesischen Region \u201eKlein\u00e4gypten\u201c an. In einigen Urkunden und Chroniken ist vermerkt, dass Angeh\u00f6rige der Sinti selbst \u00c4gypten oder Klein\u00e4gypten als Herkunft angegeben hatten. Eine weitere Bezeichnung ist \u201eHeiden\u201c. Der Bezug ist offenkundig: Sie kommen aus \u201eheidnischen\u201c bzw. aus von \u201eHeiden\u201c besetzten und beherrschten L\u00e4ndern (und hierin liegen im Keim auch schon Ans\u00e4tze f\u00fcr die Ausgrenzung und Verfolgung in der fr\u00fchen Neuzeit).<\/p><p>Die Herkunft der sich im deutschen Sprachraum durchsetzenden Fremdbezeichnung \u201eZigeuner\u201c ist nicht eindeutig gekl\u00e4rt. Die Forschung geht heute mehrheitlich davon aus, dass die Bezeichnung ein Derivat aus dem griechischen Wort athinganoi (\u201eUnber\u00fchrbare\u201c) ist, womit urspr\u00fcnglich eine Sekte bezeichnet wurde, die schon zur Zeit der christlichen Apostel in Samaria\/Phrygien bestand und unter dem Verdacht \u201emagischer\u201c Praktiken stand.<\/p><p>Im deutschsprachigen Raum werden die Bezeichnungen \u201eTatern\u201c, \u201eHeiden\u201c und \u201eZigeuner\u201c im 15. Jh. gleicherma\u00dfen verwendet. Erst mit den Reichstagen Ende des 15. Jh. setzt sich \u00fcberwiegend die Bezeichnung \u201eZigeuner\u201c durch. Regional halten sich aber auch die Fremdbezeichnungen \u201eTatern\u201c und \u201eHeiden\u201c. Ab 1416 nehmen die Erw\u00e4hnungen in deutschen St\u00e4dten zu.<\/p><p>\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/8\/81\/Jacob_Thomasius%3B_Haid_cropped.jpg\/800px-Jacob_Thomasius%3B_Haid_cropped.jpg\" \/>\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<\/p><p>\u00a0Bild:Jakob Thomasius<strong>E<\/strong>ine weitere Bezeichnung ist \u201e<strong>Heiden<\/strong>\u201c.<\/p><p>Der Bezug ist offenkundig: Sie kommen aus \u201eheidnischen\u201c bzw. aus von \u201eHeiden\u201c besetzten und beherrschten L\u00e4ndern (und hierin liegen im Keim auch schon Ans\u00e4tze f\u00fcr die Ausgrenzung und Verfolgung in der fr\u00fchen Neuzeit).<\/p><p>Im deutschsprachigen Raum werden die Bezeichnungen <strong>\u201eTatern\u201c<\/strong>, <strong>\u201eHeiden\u201c<\/strong> und <strong>\u201eZigeuner\u201c<\/strong> im 15. Jh. gleicherma\u00dfen verwendet. Erst mit den Reichstagen Ende des 15. Jh. setzt sich \u00fcberwiegend die Bezeichnung \u201eZigeuner\u201c durch. Regional halten sich aber auch die Fremdbezeichnungen \u201eTatern\u201c und \u201eHeiden\u201c.<br \/>Ab 1416 nehmen die Erw\u00e4hnungen in deutschen St\u00e4dten zu.<\/p><p>Die Sinti werden nicht von vornherein feindselig behandelt \u2013 eher neugierig, aber auch misstrauisch. Schutzbriefe des deutschen K\u00f6nigs Sigismund und anderer F\u00fcrsten, auch Geleitbriefe des Papstes, die sie als Pilger auswiesen, machen sie \u201einteressant\u201c und bedeuten f\u00fcr sie Schutz. Andererseits d\u00fcrfen sie sich in den St\u00e4dten nicht niederlassen und auch keine Handwerkst\u00e4tigkeiten aufnehmen.<\/p><p><strong>Religi\u00f6se und kirchlich-politische Ausgrenzung<\/strong><\/p><p><strong>\u00a0<\/strong><\/p><p>Mitte des 15. Jahrhunderts schlug die anf\u00e4ngliche Toleranz in offene Ablehnung um, und Vertreibungen setzten ein. Religi\u00f6se und kirchlich-machtpolitische Gr\u00fcnde hatten daran ma\u00dfgeblichen Anteil. Die Sinti wurden wegen des oft dunkleren Kolorits in Verbindung mit dem Teufel gebracht. Christen seien sie nur oberfl\u00e4chlich, zum Schein, und magischer Praktiken (\u201eWahrsagen\u201c) waren sie ohnehin verd\u00e4chtig. Legenden von ihrer \u201eWanderschaft\u201c als g\u00f6ttlicher Strafe, beispielsweise die Geschichte von der Verweigerung des Obdachs gegen\u00fcber der Heiligen Familie bei ihrer Flucht nach \u00c4gypten (Verfolgung durch Herodes\/Kindermord zu Betlehem), dr\u00fcckten das religi\u00f6se Ressentiment \u201evolkst\u00fcmlich\u201c aus.<\/p><p>Gef\u00e4hrlich wurde ihnen aber vor allem die kirchlich-machtpolitische Ausgrenzung: Immer st\u00e4rker r\u00fcckte eine vermeintliche Spionaget\u00e4tigkeit ins Zentrum der Beargw\u00f6hnung. Als Zuwanderer aus islamisch beherrschten L\u00e4ndern galten die Sinti selbst, obwohl christlichen Glaubens, als \u201eUngl\u00e4ubige\u201c und als \u201eVerkundschafter der Christenland\u201c, also als Spione f\u00fcr die T\u00fcrken. Diese Verd\u00e4chtigungen und Beschuldigungen wurden auf den Reichstagen Ende des 15. Jh. vorgebracht und f\u00fchrte schlie\u00dflich zur \u00c4chtung der \u201eZigeuner\u201c. Die Schutzbriefe wurden 1496 und 1497 durch die Reichstage zu Lindau und 1498 zu Freiburg aufgehoben. Ein Jahr sp\u00e4ter wurden die \u201eZigeuner\u201c auf dem Reichstag zu Augsburg f\u00fcr vogelfrei erkl\u00e4rt. Die Reichstagsbeschl\u00fcsse wurden im Jahr 1500 durch Kaiser Maximilian best\u00e4tigt. Damit waren die Sinti als \u201eFeinde\u201c des Reiches und der Kirche ins gesellschaftliche Abseits gestellt.<\/p><p>Soziale Ausgrenzung der \u201eZigeuner\u201c meint in der fr\u00fchen Neuzeit nicht nur die ethnische Gruppe der Sinti, sondern mit dem Begriff werden Personen und Gruppen bezeichnet, die aus verschiedenen Gr\u00fcnden \u201eauf die Stra\u00dfe getrieben\u201c wurden. In den st\u00e4dtischen Z\u00fcnften fanden die Sinti keine Aufnahme, was Voraussetzung f\u00fcr die Niederlassung und Handwerksaus\u00fcbung gewesen w\u00e4re. Die Gilden sahen in ihnen fremde Konkurrenz.<\/p><p>Auch durch die jeweiligen Obrigkeiten wurden sie, wie alle Ortsfremden, von einem Zuzug abgehalten. Im Unterschied zum mittelalterlichen Gesellschaftsgef\u00fcge waren die St\u00e4dte nicht einmal mehr bereit und in der Lage, die wachsende Zahl ihrer eigenen Bed\u00fcrftigen zur versorgen. Verarmung zog h\u00e4ufig Vertreibung nach sich; an die Stelle der caritas trat die Ausgrenzung.<\/p><p>Gleichzeitig war der Status der \u201eFahrenden\u201c als solcher schon kriminalisiert. G\u00e4ngige Zuschreibungen gegen\u00fcber \u201eVagabunden\u201c und gegen \u00fcber Land ziehende Bettler wurden auch auf die Angeh\u00f6rigen der Minderheit \u00fcbertragen. Sinti wurden mit diesen \u201eFahrenden\u201c gleichgesetzt.<\/p><p>Der zunehmende Einfluss des protestantischen Arbeitsethos\u2018 nach der Reformation vertiefte die sozialen Gr\u00e4ben. Denn Armut galt als durch \u201em\u00fc\u00dfigg\u00e4ngerischen Lebenswandel\u201c (als das jetzt auch das \u201e\u00dcber-Land-Ziehen\u201c angesehen wurde) selbst verschuldet.<\/p><p>Im 30-j\u00e4hrigen Krieg wurden durchaus auch Sinti f\u00fcr die S\u00f6ldnerheere angeworben. Aber am Ende des Krieges bestand angesichts des bis dahin nicht gekannten Ausma\u00dfes an Zerst\u00f6rung und Verw\u00fcstung weder die M\u00f6glichkeit noch das Interesse, die Scharen der nun<\/p><p>wieder \u201enutzlosen\u201c und Not leidenden Entlassenen \u2013 und zus\u00e4tzlich der Ausgepl\u00fcnderten, die Haus, Hof und Habe verloren hatten \u2013 in den St\u00e4dten zu \u201eintegrieren\u201c. Sinti wurden in den Status der \u201eFahrenden\u201c zur\u00fcckgesto\u00dfen.<\/p><p>Bis Mitte des 18. Jahrhunderts nahmen Intoleranz und Vertreibung noch zu. Not und zunehmende Kriminalisierung dr\u00e4ngten viele Sinti in den Untergrund. Um zu \u00fcberleben, schlossen sich einige zu \u201eBanden\u201c zusammen oder suchten Anschluss an r\u00e4uberische Gruppen \u2013 was wiederum die staatlichen Gewaltma\u00dfnahmen gegen alle erh\u00f6hte. Die meisten gerieten ohne aktives Zutun in den Teufelskreis von Vertreibung, Verarmung und Gewalt. Schwere K\u00f6rperstrafen, Zuchthaus und auch sofortige Hinrichtungen drohten alleine schon f\u00fcr das Betreten eines Landes.<\/p><p><strong>\u201eZigeunerpolitik\u201c in Preu\u00dfen und \u00d6sterreich<\/strong><\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3296\" src=\"http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/1200px-\u00d6sterreichisch-Schlesien_1746_de.svg-300x210.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"210\" srcset=\"http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/1200px-\u00d6sterreichisch-Schlesien_1746_de.svg-300x210.png 300w, http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/1200px-\u00d6sterreichisch-Schlesien_1746_de.svg-1024x717.png 1024w, http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/1200px-\u00d6sterreichisch-Schlesien_1746_de.svg-768x538.png 768w, http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/1200px-\u00d6sterreichisch-Schlesien_1746_de.svg.png 1200w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p><p><strong>\u00a0<\/strong>Zu den vielen Facetten des aufgekl\u00e4rten Absolutismus der beiden mitteleurop\u00e4ischen Gro\u00dfm\u00e4chte Preu\u00dfen und \u00d6sterreich geh\u00f6rte das Bestreben, alle Untertanen zu n\u00fctzlichen und staatstragenden Gliedern der Gesellschaft zu machen. Arbeit und Erziehung hatten dabei zentrale Bedeutung. \u201eM\u00fc\u00dfigg\u00e4ngerische\u201c Menschen \u2013 und als solche wurden auch die durch die L\u00e4nder getriebenen \u201eZigeuner\u201c angesehen \u2013 galten als vergeudetes Potenzial. Vollst\u00e4ndige Assimilation war das Ziel staatlicher \u201eZigeunerpolitik\u201c. \u00c4u\u00dferst repressiv ging dabei zun\u00e4chst Kaiserin Maria Theresia von \u00d6sterreich vor: Sie lie\u00df Roma zwangsweise in Siedlungen im Burgenland ansiedeln, verbot Gewerbet\u00e4tigkeit, Sprache und Pflege kultureller Traditionen und betrieb die Zerschlagung der famili\u00e4ren Strukturen durch Wegnahme der Kinder, um sie \u201echristlich\u201c erziehen zu lassen und sp\u00e4ter dem Milit\u00e4rdienst zuzuf\u00fchren. Friedrich II. von Preu\u00dfen orientierte sich daran. In Friedrichslohra sollten Sinti in \u00e4hnlicher Weise zwangsangesiedelt werden. Vor allem der staatliche Kinderraub lie\u00df die Ma\u00dfnahmen jedoch in \u00d6sterreich wie in Preu\u00dfen scheitern, da die Betroffenen sich zur Wehr setzten oder fl\u00fcchteten.<\/p><p><strong>Rassistischer Antiziganismus in der Sp\u00e4taufkl\u00e4rung<\/strong><\/p><p><strong>\u00a0<\/strong>Als Begr\u00fcnder des rassistischen Antiziganismus gilt Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann (1756-1804). Trotz seiner fragw\u00fcrdigen Wissenschaftlichkeit und seines Rassismus\u2018 blieb Grellmann bis in die 1980er Jahr ma\u00dfgebliche Referenz staatlicher Politik gegen die Minderheit und jeder \u201ewissenschaftlichen\u201c Befassung mit den \u201eZigeunern\u201c. Sein 1783 erschienener \u201ehistorischer Versuch\u201c ist die erste, ethnisch-rassistische Konstruktion des \u201eZigeuners\u201c. Grellmann ist keineswegs origin\u00e4r in seinen Beschreibungen. Allerdings kann seine affirmative Zusammenstellung aller \u00fcberlieferten Zuschreibungen und \u201eEigenarten\u201c, sein Ergehen in Abscheulichkeiten (bis hin zum Kannibalismus-Verdacht und dem darin begr\u00fcndeten Ger\u00fccht des Kindesraubes) durchaus als ordin\u00e4r bezeichnet werden. Er tr\u00e4gt dieses \u201eziemliche Register von b\u00f6sen und verderblichen Eigenschaften im Charackter\u201c zusammen, um seine These zu illustrieren, \u201eda\u00df der Zigeuner in sofern auch er ein Abk\u00f6mmling des Orients ist, verm\u00f6ge einer, diesem orientalischen Ursprunge eigenen Beharrlichkeit, sich nicht leicht \u00e4ndere, oder ganz aufh\u00f6re zu seyn, was er einmahl ist.\u201c Das, was \u201eZigeunern\u201c vordem als vermeintliche Taten und Lebensstil zugeschrieben wurde, wird bei Grellmann also zum \u201eethnographischen Portr\u00e4t\u201c, zur Bestimmung ihres Wesens. F\u00fcr ver\u00e4nderungsf\u00e4hig h\u00e4lt Grellmann die \u201eZigeuner\u201c nicht. Der Staat soll dennoch \u201eden<\/p><p>Zigeuner\u201c so lange reglementieren und \u201eerziehen\u201c (dem Beispiel Maria Theresias folgend), bis er in der zweiten oder dritten Generation aufgeh\u00f6rt hat, Zigeuner zu sein.<\/p><p><strong>Eine idealistisch-humanit\u00e4re Au\u00dfenseiterposition<\/strong><\/p><p><strong>\u00a0<\/strong>Als erster hat der Sprachforscher Johann Christian Christoph R\u00fcdiger (1751-1822) durch Vergleiche von Wortschatz und Grammatik die Verwandtschaft des Romanes mit dem Hindostanischen nachgewiesen. Zudem begegnet mit ihm erstmals der Versuch einer ethnischen statt einer kriminalisierenden Beschreibung der Sinti und der wirklichen Ursachen f\u00fcr ihre Lage.<\/p><p>Auf die Anf\u00e4nge schauend, h\u00e4lt R\u00fcdiger sie zwar (f\u00e4lschlicher Weise) f\u00fcr \u201eNomaden\u201c, r\u00e4umt allerdings ein, dass es f\u00fcr die Veranlassung ihrer Z\u00fcge von Ostindien nach Europa bis dahin nur Vermutungen gibt. Die zun\u00e4chst freundliche Aufnahme in Mitteleuropa nimmt auch R\u00fcdiger wahr. Nicht unterschiedliche Rechtsauffassungen der Sinti seien Ursache f\u00fcr den \u201eVolksha\u00df\u201c geworden. Urs\u00e4chlich ist f\u00fcr ihn, dass sie von St\u00e4dten und Regenten als Teil der wachsenden Schar von notgedrungen Fahrenden als St\u00f6rung der \u00f6ffentlichen Ordnung und von den Sesshaften als Bedrohung angesehen wurden. Vertreibungen, Festnahmen und Hinrichtungen seien nur deswegen erfolgt, weil sie \u201eZigeuner\u201c waren. F\u00fcr R\u00fcdiger liegen die Gr\u00fcnde f\u00fcr die anhaltend elenden Bedingungen der Sinti nicht in ihnen selbst, sondern im \u201eeingewurzelte Volksha\u00df\u201c und in ihrer \u201eZur\u00fccksetzung durch den Staat\u201c: \u201aSo n\u00f6thigte man sie endlich freylich, das zu werden, was sie nicht wollten, noch waren\u2019. R\u00fcdigers Abhandlung erschien noch ein Jahr vor Grellmanns \u201ehistorischem Versuch\u201c. Seine Sichtweise konnte sich zwar nicht durchsetzen. Dennoch ist er ein wichtiges Beispiel daf\u00fcr, dass Ressentiment und Unterdr\u00fcckung nicht die ganze Geschichte der Minderheit sind und sein k\u00f6nnen.<\/p><p>Preu\u00dfen war Vorreiter im Aufbau einer straffen, am Milit\u00e4r orientierten, einheitlich funktionierenden Verwaltung \u2013 und darin blieb das K\u00f6nigreich nachhaltig erfolgreich, auch was die Gesellschaftspolitik und den Umgang mit \u201eFremden\u201c betraf. Nach der Reichsgr\u00fcndung 1871 schlossen sich andere deutsche L\u00e4nder diesem Vorbild an. Sie vereinheitlichten das Verwaltungs- und Polizeiwesen und bauten Erfassungs- und Meldesysteme auf.<\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3411 aligncenter\" src=\"http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Byzantine_Macedonia_1045CE.svg-300x238.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"238\" srcset=\"http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Byzantine_Macedonia_1045CE.svg-300x238.png 300w, http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Byzantine_Macedonia_1045CE.svg-1024x811.png 1024w, http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Byzantine_Macedonia_1045CE.svg-768x608.png 768w, http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Byzantine_Macedonia_1045CE.svg-1536x1217.png 1536w, http:\/\/sintiundroma-nrw.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Byzantine_Macedonia_1045CE.svg.png 1616w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p><p>Im Jahr 1864 wurde in Bulgarien und in dem jungen Staat Rum\u00e4nien, der 1861 aus den F\u00fcrstent\u00fcmern Transsylvanien, Moldawien und Walachei und hervorgegangen war, die Leibeigenschaft aufgehoben. Infolge dessen wurden auch die Roma, die bis dahin in Sklaverei leben mussten, frei. Viele von ihnen suchten in westlichen L\u00e4ndern bessere Lebensbedingungen. Aber die mitteleurop\u00e4ischen Staaten schotteten sich ab. Die Grenz\u00fcberwachung wurde versch\u00e4rft, um aufgegriffene Gruppen m\u00f6glichst sofort wieder \u00fcber die Landesgrenze zu bringen.<\/p><p>1891 erlie\u00df der Deutsche Bundesrat erste reichsweite Anweisungen zur \u201eBek\u00e4mpfung der Zigeunerplage\u201c, um inl\u00e4ndische Sinti einer weitreichenden Kontrolle zu unterwerfen und ausl\u00e4ndische Roma abzuschieben. 1899 wurde der erste, reichsweite \u201eNachrichtendienst f\u00fcr die Sicherheitspolizei in Bezug auf die Zigeuner\u201c in M\u00fcnchen eingerichtet.<\/p><p>In der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts radikalisierte sich zudem die rassistische Betrachtungsweise gegen\u00fcber der Minderheit durch die \u00dcbertragung der Darwinschen Evolutionslehre auf Anthropologie, Medizin und Gesellschaftslehre. Damit wurde der Boden f\u00fcr eine Politik bereitet, die sich auf einen biologistisch begr\u00fcndeten Rassismus st\u00fctzte. Dies war keineswegs nur im Deutschen Reich der Fall. Aber hier erhielt der<\/p><p>pseudowissenschaftliche Rassismus als Grundlage der NS-Ideologie die historisch einmalige Auspr\u00e4gung, die in den systematischen V\u00f6lkermord f\u00fchrte.<\/p><p>Neben Verdr\u00e4ngung, Vertreibung und \u201eHistorischen Versuchen\u201c gibt es aber auch eine Geschichte der Einf\u00fcgung und des kulturellen Austauschs seitens der Minderheit. In vielen Regionen bestand ein durchaus normales Miteinander von Minderheiten und Mehrheit. Die Zersplitterung des \u201eHeiligen R\u00f6mischen Reiches Deutscher Nationen\u201c in zahllose F\u00fcrstent\u00fcmer mit unterschiedlicher H\u00e4rte oder \u201eLiberalit\u00e4t\u201c beg\u00fcnstigte dies.Durch die allm\u00e4hliche Abl\u00f6sung der sp\u00e4tmittelalterlichen Gesellschaft entfielen auch standesbezogene Beschr\u00e4nkungen f\u00fcr Niederlassungen. So konnten auch Sinti, die einer handwerklichen T\u00e4tigkeit nachgingen (z. B. als Kunstschmied oder Korbflechter) ein Gesch\u00e4ft gr\u00fcnden. Pferdeh\u00e4ndler und Kaufleute waren in l\u00e4ndlichen Gemeinden wichtig. Mit der einsetzenden Landflucht der Bev\u00f6lkerung wurden die Fertigkeiten der Sinti besonders f\u00fcr die Menschen in l\u00e4ndlichen Gebieten noch wertvoller. Mit ihren Dienstleistungen und Arbeiten konnten Sinti in zunehmendem Ma\u00dfe ihren Lebensunterhalt sicherstellen.<\/p><p>In manchen F\u00fcrstent\u00fcmern \u2013 sogar im \u201eantiziganistischen\u201c K\u00f6nigreich Preu\u00dfen \u2013 zog eine Zeit des Milit\u00e4rdienstes das Recht auf Landerwerb nach sich. Der Sog in die aufstrebenden Produktionszentren, der im 19. Jahrhundert von Industrialisierung und Urbanisierung ausging, beschleunigte den Integrationsprozess noch st\u00e4rker. Bis Anfang der 1930er Jahre waren die meisten Sinti und Roma im Deutschen Reich sesshafte, deutsche Staatsb\u00fcrger.<\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte der Sinti und Roma\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0Sinti seit 600 Jahren im deutschsprachigen Raum \u00dcber zwei Gegebenheiten muss man sich beim Blick auf die Geschichte im Klaren sein: Erst seit vergleichsweise wenigen Jahren gibt es geschichtliche oder biographische Aufzeichnungen, die von Sinti oder Roma selbst stammen. Sie sind Kulturgemeinschaften mit m\u00fcndlichen \u00dcberlieferungen. 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